Kinder Sollten Technologie Selbst Gestalten Und Nicht Gesteuert Werden

Kinder Sollten Technologie Selbst Gestalten Und Nicht Gesteuert Werden

by August 16, 2019
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Der Digitalpakt kommt. Trotzdem bilden Deutschland und Österreich das europäische Schlusslicht in Sachen Digitalisierung an staatlichen Bildungseinrichtungen.

Anna Iarotska

Anna Iarotska

Mit Robo Wunderkind hat sich Gründerin Anna Iarotska dem Thema Digitalisierung an Schulen, Coding und Robotics angenommen und vermittelt Kindern ab fünf Jahren spielerischen Erfindergeist und technisches Know-how. Mehr als 200 Bildungsträger in über 20 Ländern sind bereits Partner. Ein Gespräch über Hemmschwellen und Ängste, neue Potenziale im Lehr-und Lernalltag und ein Appell an unsere Zukunft.

Hallo Anna! Aus deiner Sicht: Warum haben Deutschland und Österreich beim Thema Digitale Bildung so lange geschlafen?

Beide Länder sind eher konservativ, wenn es zu neuen Technologien und deren Implementierung in Schulen kommt. Aber wir haben gesehen, dass Länder wie die USA, China oder Russland stark führend sind in dem Bereich. Dazu wächst die Nachfrage für Fachleute aus dem Bereich der MINT Fächer. Deshalb haben die Länder endlich angefangen, ihr Bildungsangebot diesem Trend anzupassen. Und langsam nimmt das Thema Fahrt auf!

Was sind die nächsten Schritte, um Programmieren und Robotik zu einem selbstverständlichen Teil des Curriculums zu machen?

EducationKit-Packaging+1Build+BlocksEs gibt Herausforderungen bei der Integration neuer Lerntools im schulischen Kontext. Zum einen in Bezug auf Qualitätsprüfungen, für die es keine einheitlichen Standards gibt. Zum anderen muss das Lehrpersonal geschult werden. Stichwort Aus-, Fort- und Weiterbildung. Da die Entscheidungen von mehreren Institutionen und Personen abhängig sind, dauern die Prozesse allerdings recht lange.

Warum reicht es nicht, wenn Kinder erst als Jugendliche an der Oberschule mit digitalen Lerntools und technischer Bildung konfrontiert werden?

Tatsache ist, dass Kinder schon früh mit Technologie konfrontiert sind. Es ist für sie sehr einfach, auf smarte Geräte und Inhalte im Netz zuzugreifen. Sie spielen, schauen Videos, kommunizieren. Wichtig ist, dass auch ein adäquater Umgang mit den digitalen Tools erlernt wird. Dazu ist eine gute digitale Bildung notwendig.

Wir wollen Kinder bereits im jungen Alter erreichen, um ihnen zu vermitteln, dass wir Menschen dafür verantwortlich sind, wie Technologie voranschreitet. Kinder werden dadurch zu selbstbestimmten Entwicklern, anstatt blinde Konsumenten, die passiv beschallt und gesteuert werden. Dazu stellt Programmieren eine Fähigkeit dar, die in Zukunft als Grundlagenkompetenz auf dem Arbeitsmarkt eingefordert wird. In den USA müssen in den nächsten zehn Jahren rund eine Million neue MINT Fachleute ausgebildet werden – und diese Zahl wird wachsen. Die Nachfrage ist immens hoch.

Nachdem Kinder bereits mit Robotern, neuen Medien und anderen digitalen Tools groß werden, sind dies Kompetenzen, die zu den grundlegenden Inhalten ihres Lebens zählen. Es ist die Aufgabe der älteren Generation, diese Veränderungen zu akzeptieren und in eine sinnvolle und innovative Richtung zu lenken.

Trägt die Digitalisierung dazu bei, gute Bildung zu demokratisieren?

Auf jeden Fall. Vor 20 Jahren war es beispielsweise noch irrsinnig aufwändig, einen Artikel aus einer bestimmten Zeitschrift zu erhalten, weil wir dafür die Bibliothek aufsuchen mussten, deren Inhalte dann nur für einen kurzen Zeitraum zur Verfügung standen. Heute können wir Inhalte aus der ganzen Welt über das Internet einsehen. Natürlich ist dabei festzuhalten, dass nicht alle Inhalte aus dem Internet vertrauenswürdig sind. Kinder sollten früh lernen, zu hinterfragen. Internet- und Medienkompetenz ist daher ebenfalls eine wichtige Aufgabe, die es zu Hause und in der Schule zu fördern gilt. Grundsätzlich ist eine zeitgemäße Schulbildung, die schon das erste kognitive Fenster von Kindern nutzt, der beste Hebel für Chancengleichheit und erfolgreiches Lernen – und das während des gesamten Lebens.

Warum haben viele Menschen Angst vor der Technologie?

Weil jeder Angst hat vor dem Unbekannten, denke ich. Angenommen, ich gebe meinen Kindern keine Möglichkeit, zu gewissen Themen zu lesen, weil ich mit der Materie nicht vertraut bin. Wie viele Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten würde ich den Kindern vorenthalten? Ebenso steht es aktuell um das Thema der Digitalisierung. Eine Generation, die vor vielen neuen Aufgaben steht, ist heute gefragt, die richtigen Schritte zu wählen. Vor allem jetzt, wo sich Technik so schnell wie noch nie zuvor entwickelt, ist es an der Zeit, Potenziale zu erkennen und sich nicht davor zu verstecken und zu hoffen, dass dieser Trend einfach an uns vorbeirauscht und in drei Jahren nicht mehr relevant sein wird. Wir müssen Kinder dazu befähigen, die Entwickler von morgen zu sein, um Technik sinnvoll und adäquat einsetzen zu können.

Du bist auf der ganzen Welt unterwegs für Robo Wunderkind. Welche Unterschiede im Bereich Lernen stellst Du fest?

Robo WunderkindIn den USA und China ist allen schon bekannt, dass diese Technologien die Zukunft der Bildung darstellen und dass es ohne sie einfach nicht gehen wird, egal, was wir derzeit über Technologien denken. Und wir sollten auch ohnehin nichts Schreckliches denken, sie sind einfach da und bieten uns unendlich viele Möglichkeiten. Diese Länder investieren sehr viel Geld in ein gutes digitales Bildungsprogramm. Es ist ihnen gut bekannt, dass sie in den nächsten Jahren exorbitant viele MINT Experten hervorbringen müssen. Hier agieren die Länder absolut zielbewusst. Russland ist ebenso auf dem Weg und steht sogar, aus globaler Sicht, im Vordergrund. Die Bildung ist in Russland sehr auf Digitalisierung ausgerichtet.

Was muss aus Deiner Sicht passieren, damit der Digitalpakt schnell an den Schulen greift? Und wie kann Robo Wunderkind hier Schulträgern, Lehrern und Schülern helfen?

Ich glaube, dass die Politik und die Entscheider geschlossen und entschlossen hinter dem Gesetz stehen und es mit Leben füllen müssen. Und es ist wichtig, dass die Lehrer selbst erfahren, dass die Integration von Technologien in den Lehrplan nicht kompliziert sein muss. Eine Lösung wie Robo Wunderkind ist sehr einfach zu beherrschen und bietet so viele mögliche Anwendungen in anderen Fächern: Mathe, Kunst, Naturwissenschaften oder Musik. Wenn die anfängliche Berührungsangst erst einmal überwunden ist, wird es für Lehrer und Schüler einfacher, das Potenzial von digitalen Lösungen produktiv zu nutzen. Außerdem: Lehrpersonen müssen nicht mehr die allwissende Instanz sein, die das Wissen an Schüler weitergibt. Vielmehr bieten sich durch neue Technologien Möglichkeiten an, bei denen die Pädagogen die Rolle des Mediators und Coaches einnehmen und ein interaktives Lernen stattfindet, dass von beiden Seiten angestoßen wird. Dadurch nutzen wir Vielfalt und Kreativität auf positive Art und Weise, wie es auch im Berufsleben der Fall ist.

Du stehst tagtäglich mit vielen Bildungs-Akteuren im Austausch. Wie ist Dein Eindruck?

Dabei kommt es darauf an, mit wem ich spreche. Viele Lehrer, Schulleiter und Verbände haben noch Berührungsängste. Doch Lehrer, die bereits Erfahrungen gesammelt haben, sind davon begeistert und sehen, was für ein Erfolg diese Methoden bei den Kindern haben. Ich bin oftmals überrascht, wie viele engagierte Lehrpersonen es gibt, die eine tolle Arbeit leisten. Ich weiss, dass aktuell viel Eigeninitiative notwendig ist, um an einer Schule digital ausgestattet zu werden. Ich durfte mit Robo Wunderkind vielen engagierten Akteuren begegnen, die sich sehr dafür einsetzen, ihren Schülern Begeisterung für Coding zu vermitteln.

Was sind Deine Forderungen, Wünsche oder Kritiken an die Politik?

Ich wünsche mir, dass sich die Politik für unsere Kinder hervorragende Bildungsbedingungen schafft. Ich möchte, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen, das sie neugierig auf Informatik, Mathematik und Technik macht. Es ist klar, dass niemand einen ganz genauen Plan hat, wo sich unsere Technologie hin entwickeln wird. Trotzdem wäre es schade, wenn wir unserer heranwachsenden Generation die Möglichkeiten entziehen, sich weiterzuentwickeln.

Was lässt Dich optimistisch in die Zukunft der Digitalen Bildung blicken? Wie kann Robo Wunderkind dazu beitragen?

Wir möchten, dass in zehn Jahren alle der über eine Million Kinder, die mit Robo Wunderkind gespielt haben, zu selbstbestimmten Personen herangewachsen sind, für die ein bewusster und gestalterischer Umgang mit Technologie selbstverständlich ist. Kinder sollen sich auf die Herausforderungen einer modernen Gesellschaft vorbereitet fühlen und die grossartigen Möglichkeiten neuer Technologien sinnvoll nutzen.

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